[25.10.05]
Interview mit Alejandro E. Cruz López, zapotekischer Anwalt, ehemaliger Gefangener der Indianischen Organisationen für die Menschenrechte in Oaxaca (OIDHO), Mitglied der COMPA (Antineoliberale Magonistische Volkskoordination von Oaxaca), vom 25. April 2005, drei Tage nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis von Ixcotel, Oaxaca.
Warum halten wir Ricardo Flores Magón für eine bedeutende Person der mexikanischen Geschichte?
| Ricardo Flores Magón verfügte über eine politisch-ideologische Klarheit, die kein anderer Revolutionär seiner Zeit besaß. Im Gegensatz zu den Anhängern von Madero (1) forderte er nicht nur einen Regierungswechsel, sondern eine Veränderung der ökonomischen Strukturen. Er ging davon aus, dass nur die mexikanische Bevölkerung selbst diesen Wechsel realisieren könnte, vor allem die Armen: die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Bäuerinnen und Bauern, die Indígenas sowie die Lohnempfängerinnen und -empfänger. Er vertraute keineswegs dem bloßen Wechsel von Regierung und Parlament. Bis heute denken wir, dass die Geschichte Ricardo F. M. Recht gegeben hat. Ein weiterer Grund, der sein Beispiel verdeutlicht, ist die Konsequenz, mit der er gegenüber einer repressiven Regierung wie der von Porfirio Díaz agierte. Er kämpfte unermüdlich für die Ideale und die Rechte der mexikanischen Bevölkerung, wobei er sein Leben und seine Freiheit riskierte. |
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Er lehnte Prestige, materielle Güter und Posten im Kabinett der Regierung ab, u.a. das Angebot der Vize-Präsidentschaft von Mexiko - und wurde schließlich arm, blind und krank umgebracht. Er blieb seinen revolutionären Prinzipien stets treu. Wir denken außerdem, dass das Denken von Ricardo F.M. in das Gedankengut der Zapatistas, der Mexikanischen Revolution und des heutigen Zapatismus einflossen ist. Ebenso verhält es sich mit dem Motto von "Land und Freiheit!", welches einem magonistischen Prinzip entspringt. Der "Plan de Ayala" (2) und weitere Gesetze und Dekrete, die die Revolutionären Streitkräfte des Südlichen Befreiungsheeres, welches von Emiliano Zapata angeführt wurde, ausgaben, waren durch das Programm der Liberalen Mexikanischen Partei PLM inspiriert. Die Programmatik des "Für Alle Alles, Nichts für uns!" und der un-orthodoxe Vorschlag der Zapatistischen Armee zur nationalen Befreiung (EZLN) hat ebenso verdeutlicht, dass der Einfluss des Magonismo in ihrem Denken sehr groß war. Sie kämpfen für Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit, aber nicht für die Macht in den aktuellen Strukturen. |
Welche Aspekte des magonistischen Denkens sind wichtig für die sozialen Bewegungen von heute?
Zunächst einmal war Ricardo eindeutig antikapitalistisch und wenn er heute leben würde, wäre er sicherlich antineoliberal, weil die Geschichte ihm Recht gegeben hat. Denn die Strukturen, die die sozialen Ungerechtigkeiten verursachen, sind weiterhin intakt und haben sich sogar verstärkt: die wirtschaftliche und politische Macht der Reichen ist größer, wodurch die Gefahr besteht, dass es einen größeren Rückfall als zu den Zeiten Magóns gibt - durch das nordamerikanische Imperium und andere hemisphärische Blöcke mit ihren Strukturreformen und durch die Zentren der globalen Macht, wie den Internationalen Währungsfond und die Weltbank, die sich alle Ressourcen unserer Völker aneignen, inkl. der "menschlichen Ressourcen", der billigen Arbeitskraft. Andererseits umfassten die Strategien und Taktiken, die RFM gegen die Oligarchien seiner Zeit anwandte, all' seine Möglichkeiten. Wir können sagen, dass seine Anklagen gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Sklaverei und Misere den Kampf dagegen gefördert haben, indem er den Journalismus als tödlichste Waffe benutzte, um das Bewusstsein zu wecken und dem revolutionären Kampf einen Sinn zu geben. Ricardo schaffte es, das Bewusstsein der Bevölkerung zu beeinflussen, da er dieses Kommunikationsmedium zum wichtigsten Instrument seines Kampfes macht - weit vor dem Zeitalter der Massenmedien.
Wäre eine magonistische Gesellschaft möglich?
Wir glauben, dass eine gerechte Welt, so wie Magón sie wollte, aufgebaut werden kann: von allen jenen, die bestimmte Qualitäten erlernen: eine ideologisch-politische Klarheit, die Übereinstimmung zwischen Theorie und gelebter Praxis und die Einflüsse, die sie auf die armen und revolutionären Bevölkerungsteile ihrer Zeit haben. Damit versuchen wir nicht, in einen revolutionären Personenkult zu verfallen, sondern wollen eher herausarbeiten, dass es Menschen gibt, die dem Sirenengesang nicht erlegen sind, und an denen wir uns orientieren können, um den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Die magonistische Gesellschaft ist dann möglich, wenn es Frauen und Männer gibt, die bewusst und fähig sind, die Menschen als Brüder und Schwestern zu fühlen und sich nicht als Wolf des Anderen aufzuführen. Wir denken, dass Ricardo für folgendes gekämpft hat: für eine Gesellschaft der Menschen, in der gesamten Weite des Wortes.
Unser bevorzugter Text von RFM
...ist die Erzählung "Zwei Revolutionäre", geschrieben in der Zeitschrift Regeneración .
„Compañero, ich gehe in den Krieg, aber nicht so, wie du und die deiner Generation gegangen sind. Ich gehe in den Krieg, aber nicht um einem Mann an die Macht zu verhelfen, sondern um meine Klasse zu befreien. Mit Hilfe dieses Gewehres werde ich unsere Herren zwingen, das loszulassen, was sie uns seit Tausenden von Jahren weggenommen haben. Du hast einem Mann vertraut dir das Glück zu bringen. Ich und meine Genossen werden unser und aller Glück in die eigene Hand nehmen. Du hast namhaften Anwälten und Wissenschaftlern die Arbeit überlassen Gesetze zu schaffen. Und es war nur natürlich, dass sie sie auf eine Art schufen, um dich mit ihrer Hilfe zu knebeln. Und statt eines Instrumentes der Freiheit wurden diese Gesetze zu Instrumenten der Tyrannei und Infamie. Dein Fehler und der der anderen, die wie du gekämpft haben, war dieser: einem Individuum oder einer Gruppe von Individuen an die Macht zu verhelfen, damit diese sich darum kümmern sollten, das Glück für die anderen zu erlangen. Nein, mein Freund. Wir, die modernen Revolutionäre suchen weder Schutz noch Vormunde oder Glücksfabrikanten. Wir werden selber unsere Freiheit und unser Wohlergehen erkämpfen. Wir beginnen, indem wir die Wurzeln der politischen Tyrannei bekämpfen, und diese Wurzel nennt sich ’Recht auf Eigentum’“.
Uns gefällt dieser Text - aus einigen kulturellen Gründen, wegen seiner tiefen historischen Wahrheit, die er beinhaltet und wegen seiner Gültigkeit in den heutigen Zeiten. Unsere Völker von Mexiko und vielleicht aus vielen Teilen der Erde haben eine exzessive Tendenz zum Personenkult. Man hat die Idee, dass das Schicksal unserer Völker nur durch jene geleitet werden kann, die über großes akademisches Wissen oder eine Anerkennung in den Kommunikationsmedien verfügen, die sich bemüht haben, Unterdrücker und mittelmäßige Leute aufzubauen. Als Konsequenz daraus haben unsere Leute aus dem Volk eine übertriebenen Respekt für Leute, die sich "Autorität" nennen. Heute haben sich in unserem Land alle juristischen und politischen Instrumentarien, die uns repräsentieren, der Regierung anvertraut, um über unsere Ressourcen, unsere Rechte, unsere Land- und Seegebiete zu verhandeln, ohne dass die Bevölkerung Rechenschaft fordern könnte. Das alles hat verhindert, dass die mexikanische Bevölkerung an den Entscheidungen teilhaben konnte, die das ganze Land betreffen, wie zum Beispiel NAFTA, ALCA oder der PPP (3). In unseren indigenen Gemeinschaften ist das Konzept der Autorität sehr anders als das der "großen Regierenden". Unser Konzept strebt danach, dass die Autorität einer indigenen Gemeinschaft der Bevölkerung dient, unter der Prämisse des "gehorchenden Befehlens“, andernfalls kann sie ersetzt werden. Wenn die Autorität mit diesem Vorschlag arbeitet, wird sie vom Volk, das sie gewählt hat, respektiert werden. Compañeros y Compañeras, dies ist, was wir Euch heute sagen können, alle weiteren Ideen des Magonismo haben wir versucht, in unserer Veröffentlichung "Das Indigene im Magonismus und das magonistische im Indigenen" zu beschreiben.
(1) Francisco I. Madero: bürgerlicher Reformer, der 1910 eine große Allianz gegen Diktator Díaz mobilisieren konnte, die Díaz schließlich besiegte. Danach enttäuschte er durch seine unentschlossene Politik jedoch die sozialrevolutionären Strömungen um Zapata und Magón tief und wurde ab Ende 1911 von Zapata und Villa bekämpft. Er wurde 1913 im Kontext des porfiristischen Putsches unter Victoriano Huerta ermordet.
(2) Plan von Ayala: eines der Kerndokumente der zapatistischen Rebellion. Er wurde Ende 1911 beschlossen und beinhaltete vor allem Bestimmungen zur Landreform: alle von den Großgrundbesitzern geraubten Ländereien sollten an die Gemeinden zurückgegeben werden, alle Landlosen sollten mit Land versorgt werden, Großgrundbesitzer sollten zu einem Drittel enteignet werden und alle, die sich diesem Plan wiedersetzen, sollten völlig enteignet und ihr Land in Staatseigentum umgewandelt werden.
(3) Hier handelt es sich um verschiedene neoliberale Großprojekte: Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA zwischen USA, Kanada und Mexiko ist seit dem 1.1.1994 Realität und hat zu einer immensen Verarmung der benachteiligten Bevölkerung geführt. Der Plan Puebla Panama (PPP) ist als neoliberales und umweltzerstörendes Infrastrukturprojekt zwischen Südmexiko und Zentralamerika bereits auf den Weg gebracht, allerdings fehlen Investoren zur völligen Durchsetzung. Die Gesamtamerikanische Freihandelszone ALCA unter Federführung der USA sollte ab 2005 in Kraft treten, wurde allerdings wegen eines mangelnden Konsenses (vor allem durch die Einwände von Venezuela, Brasilien und Argentinien) bisher noch nicht implementiert. Alle Projekte werden von progressiven sozialen Organisationen rundweg abgelehnt, weil sie Menschen und Natur substantiell bedrohen.
Quelle:
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Das Interview mit Alejandro Cruz López von OIDHO ist dem deutschsprachigen Buch „Ricardo Flores Magón - Tierra y Libertad“ entnommen. Es wurde uns freundlicherweise von der Gruppe B.A.S.T.A. überlassen, die das Bändchen mit Texten von Ricardo Flores Magón und einigen einleitenden Artikeln herausgegeben, eingeleitet, recherchiert und mit Anmerkungen versehen hat. Das Buch ist im September 2005 in der Reihe „Klassiker der Sozialrevolte“ im Unrast Verlag aus Münster erschienen und ist im Buchhandel zum Preis von 13,- € erhältlich. |
Der Artikel „Das Indigene im Magonismus und das magonistische im Indigenen“, auf den OIDHO am Ende des Interviews verweist, ist bisher nur auf Spanisch zu lesen. Es handelt sich dabei um einen Beitrag der Organisation, der auf dem Treffen „Foro Emergencia Indígena y Magonismo“ im Rahmen der 3. Magonistischen Tage gehalten wurde. Die Zusammenkunft fand im Mai 2003 an der Nationalen Hochschule für Anthropologie und Geschichte (ENAH) in Mexiko-Stadt statt.
Weitere Dokumente von OIDHO in spanischer Sprache sind auch auf der Website der Alianza Magonista Zapatista zu finden.